CIP-Titelaufnahme:

Schwab, Kerstin: Luceo non uro : ein Schottland-Abenteuer / Kerstin Schwab.

Augsburg : Selbstverlag, 2001. - 33 S. : Ill., Kt.

NE: Rümmele, Monika: [Festschrift]

Vorwort

 

 

 

Wie schon die nichtstandardmäßige Nebeneintragung nach RAK 630,1 deutlich macht, ist dieses Werk (Roman wäre zuviel gesagt) eine Festschrift - genauer gesagt eine Geburtstags-Festschrift.

Die gefeierte Person heißt Monika Rümmele und hat mit mir drei Jahre Studium des Bibliothekswesens ertragen. In dieser Zeit entwickelte sich erstens eine wunderbare Freundschaft und zweitens ein gewisses Faible, langweilige Unterrichtsstunden mit dem Schreiben von Geschichten zuzubringen.

Falls die gefeierte Person noch im Besitz ihrer alten Romanfragmente ist , wird sie vielleicht so manche Anspielung entdecken.

Nicht zu überlesen sind die Anspielungen auf gewisse noch lebende Personen, deren Namen auch aus datenschutzrechtlichen Gründen nicht verändert wurden, was natürlich unverzeihlich ist.

Ansonsten habe ich mich bemüht, Schauplätze und Hintergründe meiner Geschichte zu recherchieren, kann jedoch für den absoluten Wahrheitsgehalt meine Hand nicht ins Feuer legen.

 

Augsburg, 01.10.2001

 

 

 

 

 

 

I.

 

Während sie ihren schweren Koffer durch den Untergrund von München schleppte, war sich Moni nicht mehr ganz so sicher, ob dieser Urlaub eine gute Idee gewesen war. Wenigstens einen Gentlemen hätte sich die Frauenrunde einladen können, zumindest für die grobe Arbeit. Männer waren zwar insgesamt eher lästig, aber für manche Dinge doch ganz nützlich.

Die S8 Richtung Flughafen war schon angekündigt und so zog Moni ihren Koffer dichter an die Gleise. Dieses rechteckige Hindernis hatte leider ein eifrig telefonierender Handy-Besitzer völlig übersehen. Er stolperte nicht nur, sondern besaß auch noch die Frechheit Moni fast umzurennen.

"Verdammt, können Sie nicht aufpassen!" herrschte der Fremde sie an. Moni hatte schon eine heftige Erwiderung auf der Zunge, als ihr Gehirn die markanten Gesichtszüge registrierte.

Wenn sie bis heute nicht gewußt hatte, wie eine Mischung aus Jeremy Irons und Keanu Reaves aussah, dann stand diese jetzt vor ihr. Einige Sekunden starrte sie ihn sprachlos an, bevor ihre Zunge wieder Worte formen konnte: "Tut mir leid, ich..."

Doch der gutaussehende Mr. Wichtig hatte sich bereits abgewandt und widmete sich seinem Telefonpartner. "Idiot !" murmelte Moni vor sich hin, während sie den Koffer des Anstoßes in die S-Bahn wuchtete.

Am Flughafen von München hatte ein leicht genervter Rotschopf mit ähnlichen Problemen zu kämpfen, weil der Rucksack einfach nicht so wollte wie sie. Hinzu kam noch, daß Gabys Gemüt in letzter Zeit einfach zu viele - ihr verhaßte - Zeitschriften zu verarbeiten gehabt hatte. Sie war schlichtweg urlaubsreif.

"Hey ! Gabyyyyyy !" Diese Stimme war nicht zu überhören. Sie gehörte einem wild mit den Armen winkendem Etwas, das sich samt Koffer einen Weg durch empörte Passanten bahnte. " Hi Keks!" erwiderte Gaby trocken.

"Hast du eine Ahnung, wo diese blöde S-Bahn hält oder wann Moni ankommen wollte oder an welchem Terminal wir einchecken müssen oder wann Anett hier eintrifft oder ..."

Gaby zog kurz die Stirn in Falten und meinte dann freundlich: " Wieviele Fragen waren das jetzt, Keks?"

Kerstin grinste: "Keine Ahnung, ich befinde mich wohl in meiner Prä-Urlaubshektik! Und ich dachte schon, daß gar niemand von euch aufkreuzt und ich alleine fliegen muß."

"Jetzt sind wir schon zu zweit" tröstete Gaby.

"Zu dritt" erklang eine Stimme hinter ihrer linken Schulter. Nach einer herzlichen Begrüßung meinte Anett: "Ich warte seit einer Dreiviertelstunde auf euch!"

"Dann hast du am falschen Eck gewartet, ich bin nämlich seit mindestens zehn Minuten hier" protestierte Kerstin.

Während sie noch scherzhaft diskutierten, gesellte sich Moni zu der Gruppe: "Ich habs auch geschafft. Aber nie wieder in meinem Leben fahre ich mit so einem monströsen Koffer in der S-Bahn !"

 

II.

 

"Meine Damen und Herren ! In wenigen Minuten erreichen wir Glasgow. Bitte stellen Sie das Rauchen ein und schließen Sie ihre Sicherheitsgurte. Wir hoffen Sie hatten einen angenehmen Flug und wünschen ihnen einen schönen Aufenthalt in Schottland."

"Ladies and Gentlemen! ..."

"Uaaa!" Kerstin gähnte herzhaft und streckte ihre müden Glieder. Dabei rammte sie Moni fast den Ellenbogen ins Gesicht.

"He! Paß doch auf! Ich bin heute sowieso schon mal umgerannt worden!"

"Von einem Hochlandschotten in voller Tracht mit wallendem roten Haar?" Gaby grinste belustigt über die Rückenlehne ihres Sitzes.

"Nein von einem Mr. Wichtig mit Handy" knurrte Moni und versuchte ihr Knutschbuch ohne Eselsohren in ihren Rucksack zu bekommen, was gar nicht so einfach war, da das Flugzeug in diesem Moment aufsetzte.

"Was hast du gesagt?" Gaby hatte in dem ganzen Tumult Monis Antwort nicht verstanden.

"Ich bin von einem Mr. Wichtig mit Handy umgerannt worden." wiederholte Moni etwas lauter.

"Seid ihr bald fertig?" Anett war schon bereit zum Aussteigen.

"Du der Typ im hellen Anzug hat dich eben ganz komisch angesehen." flüsterte Keks Moni zu. Diese blickte suchend um sich: "Wer?"

Der Mann stand ungefähr drei Sitzreihen entfernt und trommelte nervös mit den Fingern auf der Lehne, während er darauf wartete, endlich zum Ausgang zu gelangen.

"Na der da vorne, der ein bißchen wie Jeremy Irons ausschaut."

"O je", Moni quetschte sich hinter Keks nicht gerade breiten Rücken und flüsterte: "Das ist der Handy-Mensch aus der S-Bahn", und seufzte dann: "Warum immer ich?"

 

 

III.

 

Ian Mackenzie fuhr sich frustriert durch sein kurzes dunkles Haar. Er war noch nie ein geduldiger Mensch gewesen, aber heute ging ihm das Gedränge im Flugzeug noch mehr auf die Nerven als sonst. Diesmal war auch der Anlass seines Schottland-Aufenthalts nicht so erfreulich wie sonst.

Sein ebenmäßiges Gesicht mit den strahlend blauen Augen zeigte Spuren von Müdigkeit und seine elegant geschwungenen Lippen wirkten verkniffen. Trotzdem zog er die Aufmerksamkeit der Damen auf sich. Er war zwar nicht gerade groß, doch unter dem maßgeschneiderten Anzug konnte man die breiten Schultern und den muskulösen Oberkörper nicht nur erahnen.

 

 

Ian irritierte Bewunderung meist nur, doch heute nahm er sie nicht einmal war. Was würde er darum geben, jetzt gemütlich in seinem Büro in L.A. zu sitzen und die Daten auszuwerten, die er bei den Aktivitäten des Ätna im Sommer gesammelt hatte.

Sicher würde seine neue Theorie über die Bewegung der Lavaströme für Aufruhr unter den Vulkanologen sorgen und Ian freute sich schon darauf, seinen Kollegen zu beweisen, dass er recht hatte.

Als ihm jemand auf den Fuß stieg, kehrte Ian abrupt in die Realität zurück. "Entschuldigen Sie bitte !" murmelte sein Vordermann und schob seine wohlbeleibte Ehefrau weiter in Richtung Ausgang. Ian nickte kurz und drängte seinerseits weiter.

Entgegen der Wetterprognose begrüßte ihn Schottland mit strahlendem Sonnenschein, was seine Stimmung gleich ein wenig verbesserte. Er quetschte sich in den Shuttle-Bus und warf einen letzten Blick zurück zur Gangway. Die kleine Brünette, die hinter der Rothaarigen auf die Rollbahn trat, kam ihm irgendwie bekannt vor, aber er wußte wirklich nicht woher.

 

 

IV.

 

Als die vier aus dem Flugzeug ausgestiegen waren und auf ihre Koffer warteten, musterte Moni die anderen Passagiere gründlich, doch Jeremy Irons war nirgends zu entdecken.

"Mr. Wichtig reist anscheinend mit leichtem Gepäck" grinste Kerstin wissend.

"Du verpaßt gerade deinen Koffer" erwiderte Moni und grinste ihrerseits, als Kerstin vergeblich zum Laufband drängte.

Nachdem endlich alle Siebensachen zusammen waren, schleppten sich die vier Richtung Mietauto-Verleih. Moni ließ ihre Englischkenntnisse spielen und eine Viertelstunde später saßen sie in ihrem bestellten Landrover.

Gaby zog eine Karte aus ihrem Rucksack: " Wohin fahren wir?"

"Ich will nach Loch Ness und ins Highlander-Castle" rief Kerstin und hopste vor Begeisterung auf ihrem Sitz.

"Es kann nur einen geben", meinte Gaby und zog ein imaginäres Schwert.

Moni, die sich hinters Lenkrad geklemmt hatte, schaute Anett an und schüttelte bloß den Kopf: "Die spinnen, die Bibliothekarinnen!"

Dann kramte sie in ihrem Rucksack nach ihrer Karte. Wie gut, dass sie schon die richtige Seite eingemerkt hatte - manchmal war sie fast zu genial.

Aber eben nur manchmal, denn das Herumwühlen hatte Monis Rucksack in eine bedenkliche Schräglage gebracht und irgendwann ergoss sich der halbe Inhalt zwischen Steuerknüppel und Handbremse.

Quietschend brachte Anett ihre Beine in Sicherheit, während Kerstin und Gaby sich ausschütteten vor Lachen.

 

 

Kerstin angelte nach einem Knutschbuch und fischte außerdem einen ziemlich ramponierten Briefumschlag unter dem Fahrersitz hervor.

Ian Mackenzie

Castle Leod

Strathpfeffer, Ross-shire

stand darauf und in der linken oberen Ecke war der Stempel einer Kanzlei in München.

"He, ich wußte gar nicht, dass du jemanden in Schottland kennst ?" Kerstin hob Moni den Brief unter die Nase.

"Nie gesehen !" erwiderte Moni kurz und tauchte unter das Lenkrad, um die restlichen Sachen einzusammeln. Von allen Seiten stopften hilfreiche Hände Dinge in den Rucksack und bald war alles wieder da, wo es sein sollte.

Nur Kerstin hielt immer noch den ominösen Brief in den Fingern und kämpfte gerade mit sich, ob sie ihn lesen sollte oder nicht. Zwar war der Brief zugeklebt, doch an der Oberkante hatte ihn jemand fein säuberlich aufgeschlitzt und neugierig war sie ja gar nicht.

"Moni, nun komm schon ! Was ist mit dem Brief ?"

"Ich weiß nicht, wo der Brief herkommt ?" Moni schnappte sich das Papier aus Kerstins Hand und betrachtete es genauer. "Bist du sicher, dass er in meinem Rucksack war ?"

"Er lag unter dem Sitz, halb zerquetscht von deinem Knutschbuch und ich glaube nicht, dass die Mietwagen-Firma Autos mit Briefen vermittelt."

Stirnrunzelnd drehte Moni den Brief hin und her. "Sollen wir nachsehen, was drin ist ? Ich meine, bevor ich zu dem Menschen von der Mietwagen-Firma gehe und dann ist es ein Liebesbrief oder ein Sohn schreibt seiner Mutter, dass er bald heimkommt ..."

Alle vier waren sich einig, dass das Risiko einer solchen Peinlichkeit unbedingt vermieden werden müsse.

Moni zog zwei DIN A4-Blätter aus dem Umschlag. Vier Köpfe beugten sich eifrig darüber.

Sehr geehrter Mr. Mackenzie, ich freue mich Ihnen mitteilen zu können, dass meine Nachforschungen von Erfolg gekrönt waren. Alles weitere mündlich nächsten Donnerstag zur selben Zeit am selben Ort. Ihr Reinhold Bergheim.

Monis Finger zitterten leicht, als sie das zweite Blatt hervorzog. Testament stand ganz oben in verschnörkelten Buchstaben. Soweit man die Schrift entziffern konnte - die Kopie war nicht sonderlich gut! - vermachte ein gewisser Colin MacLeod seiner Tochter Mary Beth Mackenzie Ländereien auf Lewis.

"Oh Mann !" Gaby schluckte, "jetzt haben wir ein Problem !"

"Der Brief ist sicher nicht im Auto liegengeblieben." räsonierte Anett, "denn erstens ist die Kanzlei in München und zweitens ist das Datum der Mittwoch letzter Woche."

 

 

"Traust du der Post so eine Schnelligkeit nicht zu ?" scherzte Kerstin nicht sehr überzeugend.

"Der Brief ist nicht verschickt worden." belehrte Anett die Unwissende, "es ist kein Poststempel drauf und keine Briefmarke."

"Außerdem wäre der Brief mit der Post sicher in Castle Dingsbums angekommen und würde nicht hier in einem Landrover liegen." warf Gaby ein.

"Aber wie kommt er in meinen Rucksack ?" unterbrach Moni die Diskussion.

"Und wenn wir einfach zu diesem Castle fahren ?" Kerstins Augen glänzten abenteuerlustig.

Plötzlich hätte man eine Stecknadel fallen hören können, denn die Gehirne ratterten geräuschlos.

"Wie hieß die Burg ?" Gaby schien schon ganz überzeugt und hatte ihren Reiseführer in der Hand.

"Castle Leod." antwortete Moni.

Nach einigem Blättern hatte Gaby die richtige Seite gefunden und las vor:

Castle Leod - eine großartige, kompakt gebaute Burg in wunderbarer Landschaft. Die L-Form ergab sich, als eine ältere Burg von Sir Roderick Mackenzie um 1606 ausgebaut wurde. Das Geld für den Ausbau stammte aus der Mitgift seiner Frau Margaret MacLeod, daher auch der Name Castle Leod.

Die Heirat war auch in anderer Hinsicht ein genialer Schachzug, beendete sie doch eine jahrelange blutige Fehde zwischen den Mackenzies und den MacLeods. Die Fehde hatte begonnen, als Rory MacLeod, der Chef der MacLeods von Lewis, sich von seiner Frau, einer Mackenzie von Kintail, wegen Ehebruchs scheiden ließ. er enterbte den gemeinsamen Sohn Torquil, doch dessen Tochter, eben jene Margaret MacLeod erbte 1616 die Besitzungen ihres Großvaters auf Lewis.

Die Mackenzies von Castle Leod wurden später die Earls of Cromartie.

Als der andere Zweig des Clans, wie eine Prophezeiung vorhergesagt hatte, im 18. Jahrhundert ausstarb, wurde Castle Leod Sitz des Clan-Chefs. 1962 gaben die Earls of Cromartie den Namen "Blunt" auf und nennen sich seither wieder Mackenzie.

Heute lebt Lord John Ruaridh Grant Mackenzie mit seiner Frau und seinen zwei Söhnen Alasdir und Colin auf Castle Leod. Die Burg ist nach Anmeldung zu besichtigen.

"Wow ! da fahren wir hin !" meinte Kerstin entschlossen.

"Täusche ich mich oder kommen die Frauen mal wieder schlecht weg ?" Dieser Einwand mußte natürlich von Moni kommen.

"Na ja, wie man es nimmt !" meinte Gaby, "die eine wird zwar verstossen, aber ihre Enkelin erbt ja dann doch ..."

"Um ihrem Herrn Gemahl die Burg zu finanzieren !" Moni war nicht überzeugt.

 

 

"Dieser Ian kommt nirgends vor." grübelte Anett laut vor sich hin.

"Dann wäre es ja auch zu einfach !" Kerstin verteidigte ihre Idee vehement. "Wir wollen Spannung, Spiel und Schokolade !"

"Ich will keine Schokolade, ich will lieber einen Mann ..." trällerte ausgerechnet Gaby vor sich.

"Keine Chance !" meinte Kerstin und grinste. "Ian ist nicht rothaarig !"

"Woher willst du denn das wissen ?" gab Gaby zurück und Moni drohte lachend: "Halt dich zurück ! Du darfst keine Ansprüche mehr stellen, zu Hause wartet dein Arne-Schatzi !"

"Wollen wir jetzt fahren ?" Dieses Geplänkel dauerte Anett entschieden zu lange.

Natürlich wollten sie und nach einer demokratischen Abstimmung wurde Castle Leod als Reiseziel auserkoren.

 

 

V.

 

"Danke, dass du mich abholen konntest !"

Ian ließ sich neben Lord John Ruaridh Grant Mackenzie auf den Beifahrersitz fallen und warf sein Jackett auf die Rückbank. Die Krawatte flog gleich hinterher.

John startete den Motor und kurvte aus der Parklücke. "Warst du erfolgreich ?"

"Mmh", nickte Ian, schaute jedoch weiterhin starr vor sich hin.

Nach einem kurzen Seitenblick auf die markanten Gesichtszüge, die wie so oft keinerlei Gefühlsregung verrieten, wußte John, dass jede weitere Frage verschwendet wäre. Er zuckte leicht mit den Schultern und konzentrierte sich auf die Straße. Ian würde schon wissen, was er tat.

Im Moment wußte dieser leider gar nichts - außer dass er sich John gegenüber gerade unhöflich verhielt. Doch Ian wollte unbedingt Ordnung in seine Gedanken bringen, bevor er etwas Falsches erzählte, was ihm hinterher leid tun würde.

Die Mackenzies konnten es sich nicht leisten, sich die Feindschaft der MacLeods zuzuziehen. Der MacLeod-Clan hatte immer noch großen Einfluß und Clan-Mitglieder an den richtigen Stellen, während die Mackenzies durch das Aussterben eines ganzen Familienzweiges rein zahlenmäßig unterlegen waren. Nein, er durfte und konnte John in diese Sache nicht verwickeln, er musste das mit Duncan allein regeln.

Trotz seiner düsteren Gedanken war Ian eingeschlafen. John registrierte amüsiert, dass der brillante Vulkanologe sich immer noch wie ein kleines Kind zusammenrollte und gerade genüßlich in die Kopfstütze schnaubte.

Kaum zu glauben, dass der Bursche letztes Jahr 30 geworden war. Wie auf jedem Familienfest hatte seine Frau versucht, Ian zu verkuppeln und wie jedes Mal hatte er sie von Anfang an durchschaut. Er spielte mit und schien sogar Spaß daran zu haben, aber keine der Damen war ihm gefährlich geworden. Obwohl einige ziemlich hartnäckig gewesen waren. John würde nie Helens Gesicht vergessen, als Ian ihr erklärte, dass er Beziehungen innerhalb des Clans für unmoralisch hielte.

 

 

Vielleicht würde ja das Erbe auf Lewis bewirken, dass Ian sich endgültig in Schottland niederließ. Er wohnte und arbeitete zwar momentan in L.A., aber richtig heimisch fühlte er sich dort wohl nicht. Naja, eigentlich reiste er ja sowieso von einem ausbrechenden Vulkan zum nächsten.

John hoffte, dass Ian das Anwesen auf Lewis etwas bedeutete, schließlich war er dort aufgewachsen, denn er könnte einen so verläßlichen Freund wie Ian in Schottland gut gebrauchen. Leider war Ian bis jetzt auf diesem Ohr taub gewesen und auch Ians Großmutter hatte ihn vergeblich gebeten, in seiner Heimat zu bleiben.

Erst nach ihrem Tod hatte Ian erfahren, dass sein Großvater das Herrenhaus seiner Tochter Mary Beth, Ians Mutter, vermacht hatte und nicht seinem Sohn James, den er für einen verdammten Taugenichts hielt. Dieser letzte Wille hatte für einige Aufregung gesorgt und Duncan, James ältester Sohn, hatte sich sofort einen Anwalt gesucht, um das Testament anzufechten.

Die Streitigkeiten dauerten bereits länger als ein halbes Jahr und eine Einigung war nicht in Sicht. Erschwert wurde die ganze Sache dadurch, dass Maud MacLeod in ihrem Testament die Erbschaft zwar bestätigt hatte, das Testament ihres Mannes jedoch nicht auffindbar war.

Ian hatte deshalb in München den Geschäftspartner des Notars, der das Testament beglaubigt hatte, aufgesucht. Und anscheinend hatte er Erfolg gehabt.

Mittlerweile hatte es angefangen zu regnen und das Prasseln der Regentropfen weckte Ian. Er blinzelte vorsichtig und setzte sich dann mit einem Ruck auf. "Mensch wir sind ja schon am Ben Nevis. Jetzt habe ich doch glatt die halbe Fahrt verpennt. Ich bin ja ein schöner Begleiter !"

John versicherte ihm lachend, dass ihm das nichts ausgemacht hätte, ließ sich aber doch zu einer kleinen Pause und einem Imbiß überreden.

 

 

VI.

 

Nach einer anstrengenden Fahrt, die letzten hundert Kilometer in strömendem Regen, suchten sich Moni, Gaby, Anett und Kerstin ihr erstes B&B in Dingwall.

Der Besitzer führte sie über eine Holztreppe zu ihrem Zimmer. Auf Anetts Frage empfahl er ihnen zwei Restaurants, eines direkt gegenüber, das andere zwei Querstraßen weiter und wünschte einen schönen Abend.

Kerstin ließ ihren Koffer mitten im Zimmer stehen und warf sich ins Ehebett.

"He Keks ! Wir wollten die Betten doch auslosen !" empörte sich Anett.

"Ich stehe nie wieder auf !" murmelte Kerstin in die Decke.

"Dann wirst du verhungern !" prophezeite Gaby.

Moni war nachdenklich bei der Tür stehengeblieben. "He Leute ! Was haltet ihr davon, wenn ich gleich mal in Castle Leod anrufe - von wegen Führung und so ?"

Auch die anderen hielten das für eine gute Idee und so verschwand Moni mit Gabys Führer in der Hand wieder nach unten.

 

 

Anett hatte es aufgegeben, Kerstin zur Vernunft zu bringen, und überlegte statt dessen, was sie zum Abendessen anziehen sollte. Die Entscheidung war nicht so einfach, denn der Koffer sollte möglichst gepackt bleiben, da sie ja morgen weiterfahren wollten.

Solche Überlegungen brauchte Gaby gar nicht erst anstellen, da die wichtigsten Dinge sowieso ganz unten in ihrem Rucksack steckten, wie sie seufzend feststellte.

Als Moni nach einer Viertelstunde wiederkam, lag Kerstin immer noch quer über dem Ehebett, Anett war beim Umziehen im Bad und Gaby raufte sich die Haare, weil sie ihre Geheimtipps für Schottland immer noch nicht gefunden hatte. Konnte sie auch nicht, denn die Geheimtipps lagen fein säuberlich gefaltet im Reiseführer, den Moni mit zum Telefonieren genommen hatte.

"Also - alle mal herhören ! Castle Leod kann leider zur Zeit wegen der bevorstehenden Highland Games nicht besichtigt werden. Das hat mir jedenfalls der Anrufbeantworter erzählt."

"So ein Mist !" war Kerstins Kommentar.

"Dumm gelaufen !" pflichtete ihr Gaby bei.

Anett konnte die Niedergeschlagenheit gar nicht verstehen: "Wir werden auf jeden Fall hinfahren und den Brief abgeben. Wenn gerade Highland Games stattfinden, muss schließlich jemand da sein. Und vielleicht ist Ian ja so dankbar, dass er uns eine private Schloßführung genehmigt."

"Na ja", meinte Moni zweifeln, "solche Veranstaltungen sind immer eine große Sache. Der halbe Mackenzie Clan wird wahrscheinlich da herumspazieren und gewöhnliche Besucher ohne Eintrittskarte werden vermutlich abgewimmelt."

"Dann müssen wir eben unseren Charme spielen lassen !" Anett war nicht so schnell zu entmutigen, was sie sich einmal vorgenommen hatte, musste einfach klappen.

"Oder auf unserer Glück vertrauen !" meinte Gaby abschließend.

Nach ihrem Anruf auf Castle Leod hatte Moni außerdem ihre Eltern von der glücklichen Ankunft in Schottland in Kenntnis gesetzt, damit sich niemand Sorgen machen mußte.

"Dann können wir uns ja der Nahrungsaufnahme widmen." schlug Gaby vor und erntete breite Zustimmung.

 

 

VII.

 

"Iiiiaaaan !" Ein zweistimmiger Freudenschrei hallte durch den Burghof von Castle Leod und bevor Ian richtig aus dem Auto ausgestiegen war, hatte er die beiden Jungs im Arm - Alasdir rechts und Colin links.

"He ! Laßt Ian doch erst mal ins Haus kommen, ihr Racker !" wies John seine Söhne zurecht.

 

 

Lady Judith Mackenzie hatte schon alles für das Dinner herrichten lassen und trat aus dem Esszimmer, um ihren Mann und seinen Gast zu begrüßen.

Beim Essen überboten sich Alasdir und Colin gegenseitig mit ihren Geschichten und mußten von ihrer Mutter mehr als einmal ermahnt werden, nicht mit vollem Mund zu reden.

Ian genoss die Ablenkung und lachte und scherzte mit den beiden. Die Aufforderung ins Bett zu gehen, kam für die Buben viel zu früh, doch der strenge Blick der Mutter erstickte jeden Widerspruch.

Als die Erwachsenen unter sich waren, herrschte für einen Moment lastendes Schweigen.

"Whisky ?" fragte John.

"Oh ja, ich könnte einen vertragen." antwortete Ian und fügte nach dem ersten Schluck hinzu: "Das ist etwas, was ich wirklich vermisse. Die Amerikaner haben einfach keinen richtigen Whisky."

"Hast du in München gefunden, wonach du gesucht hast ?" Judith hatte sich bis jetzt zurückgehalten, doch waren ihr die Spuren von Müdigkeit in Ians Gesicht nicht entgangen und sie blickte ihn besorgt an.

Ian war auf die Frage vorbereitet, trotzdem fiel es ihm schwer, die richtigen Worte zu finden: "Ihr wisst, dass ich euch sehr schätze und euch vertraue, aber ich möchte euch in diesen Streit nicht noch tiefer verwickeln. Vor allem da ich nicht weiss, ob ich gewinnen werde beziehungsweise ob ich zu diesem Preis gewinnen will."

"Das Haus gehört dir, Ian und Duncan hat keinen Anspruch darauf. Die Entscheidung deines Großvaters ist zwar etwas ungewöhnlich und unüblich, alles an seine Tochter zu vererben, aber wir leben immerhin im 21. Jahrhundert. Außerdem hatte er mit der Einschätzung seines Sohnes völlig Recht. Christopher war ein Windhund und ohne die Unterstützung der MacLeods wäre er schon viel früher am Ende gewesen."

Ian erinnerte sich noch gut an die Beerdigung seines Onkels. Der Pfarrer hatte mehr oder weniger dazu gezwungen werden müssen, einem Selbstmörder das Begräbnis auszurichten. Vielleicht hätte ihn nicht einmal der Einfluß der MacLeods dazu gebracht, wenn er es nicht Großmutter Maud zuliebe getan hätte.

Maud war überall sehr beliebt gewesen und Ian hatte sie über alles geliebt. Sie hatte ihn nach dem frühen Tod seiner Eltern aufgezogen und den Besitz auf Lewis treuhänderisch verwaltet.

Aber wieso hatte sie ihm nie erzählt, dass er der Erbe war ? Für ihn war der Schock bei der Testamentseröffnung wohl genauso groß gewesen wie für Duncan. Vielleicht hätte er sogar auf alles verzichtet, denn er hatte sich ein ganz anderes Leben aufgebaut und er liebte seinen Beruf, hätte er nicht erfahren, dass Duncan alles verkaufen wollte. Den Gedanken, alle Erinnerungen an seine Großmutter und seine Kindheit in fremden Händen zu sehen, hatte er nicht ertragen.

Und so hatte er sich auf diesen wahnwitzigen Kampf mit den MacLeods eingelassen und es schien nicht so, als ob die Wahrheit gewinnen würde.

 

 

Ian glaubte zwar nicht mehr, dass Duncan das Testament seines Großvaters absichtlich hatte verschwinden lassen, aber natürlich war ihm daran gelegen, dass es nicht mehr auftauchte.

Ohne das Original-Testament hatte Ian schlechte Karten, da seine Großmutter nur das Testament ihres Mannes bestätigt und nichts selbst verfügt hatte. Deshalb hatte Ians Anwalt ihm auch geraten, einen Privatdetektiv auf Duncan anzusetzen, um seine Absichten auszuspionieren. Was Mr. Bergheim herausgefunden hatte, beunruhigte Ian sehr. Demnach hatte sich Duncan genau wie sein Vater mit dubiosen Geschäftspartnern eingelassen.

"Entschuldigt mich bitte !" sagte Ian abrupt und leerte sein Whiskyglas in einem Zug. "Ich kann nicht darüber reden."

Judith und John tauschten einen sorgenvollen Blick, als Ian mit schnellen Schritten das Esszimmer verließ.

 

 

VIII.

 

Sie hatten abends ausgemacht, sich gründlich auszuschlafen - schließlich hatten sie Urlaub und ausgiebiger Schlaf ist förderlich für die Schönheit.

Anett war als erste ins Bad gegangen und duschte, was Kerstin in ihrem Schlaf störte. Blinzelnd setzte sie sich auf. Neben ihr war Moni bereits in ein Buch vertieft, um sich wach zu lesen.

Wie jemand sich einerseits in der Früh wach lesen und andererseits abends müde lesen konnte und das auch noch mit demselben Buch, würde Kerstin wohl ein ewiges Rätsel bleiben. Aber der Gedanke an sich war nicht schlecht.

Deshalb tastete Kerstin nach ihrem Rucksack und fischte ihr Knutschbuch aus den Tiefen. Dem Urlaub angepaßt war es auf Englisch und das Lesezeichen steckte an der Stelle, an der der wahnsinnig gutaussehende junge Mann gerade dabei war, sich mit der umwerfend hübschen Frau alles zu verderben, weil er auf die Intrige einer eifersüchtigen Rivalin hereingefallen war.

"Männer sind einfach zu blöd!" konstatierte Keks.

"Außer Arne natürlich!" wandte Gaby ein und schwang sich aus dem Bett, um Anett im Bad abzulösen.

Anett hatte sich bereits vollständig angezogen und frisiert aufs Bett gesetzt und studierte die vor ihr liegende Landkarte. "Wollen wir heute schon vormittags nach Castle Leod fahren ?"

"Moment, ich muß noch schnell lesen, ob sie sich nun duellieren." meinte Moni.

Keks, die gerade das Happy End gelesen, und genau das bestätigt bekommen hatte, was sie schon längst wußte, rollte sich aus ihrer Schlafgelegenheit und warf sich neben Anett aufs Bett. Die Landkarte machte einen Satz in die Höhe und segelte elegant zu Boden, was Keks ein Kichern und Anett ein Stirnrunzeln entlockte.

Moni legte ihr Buch zur Seite, hob auf dem Weg ins Bad die Karte vom Boden auf und legte sie wieder aufs Bett.

"Ich weiß zwar nicht, wie uns die Besitzer von Castle Leod empfangen werden, aber ich will den Brief eigentlich so schnell wie möglich loswerden."

 

IX.

 

Lord John war schon in aller Früh auf den Beinen. Nach einem kurzen Frühstück wollte er gerade nach draußen, um das Gelände für die Highland Games zu inspizieren, als ihm Ian über den Weg lief. Herzlich umarmte er den jüngeren Mann, der in seinem Kilt wesentlich vertrauter aussah, als gestern im Anzug. "Du kommst genau richtig, Ian. Ich könnte eine helfende Hand brauchen."

"Aber er hat noch nicht gefrühstückt !" Tadelnd blickte Judith ihren Ehemann an und zog Ian in die Küche. Er protestierte lachend gegen die Bevormundung, ließ sich aber doch zu einer Tasse Kaffee überreden, bevor er mit John verschwand.

Die Viehweide gleich hinter dem Haus war zum Zeltplatz umfunktioniert worden. John hatte einen Plan in der Hand, wo welche Händler ihren Stand aufbauen durften und wo die Teilnehmer schlafen sollten. Die Plätze für die Spiele lagen weiter vom Haus entfernt.

"Wir sollten die Absperrungen kontrollieren !" schlug John vor und Ian scherzte: "Du bist der Boss !"

Nachdem sie eine Weile schweigend nebeneinander her gelaufen waren, bemerkte Ian leise: "Duncan kommt vermutlich auch ?"

John zögerte einen Moment mit der Antwort: "Ja, natürlich ! Es wäre schlecht möglich, ihn nicht einzuladen."

"Nein, nein ! So habe ich das auch nicht gemeint !" beeilte sich Ian zu sagen. Als er Johns besorgte Blicke wahrnahm, bemühte er sich um ein Lächeln. "Bei den Spielen werde ich ihm einfach aus dem Weg gehen und danach ... Vielleicht kann eine Aussprache ja doch einige Punkte klären."

"Duncan wird nicht aufgeben, Ian !"

"Nein, das wird er wohl nicht !" stimmte ihm Ian zu. Schließlich steht ihm das Wasser bis zum Hals und der Verkauf des Anwesens auf Lewis würde die Probleme auf einen Schlag beseitigen.

Aber wie weit würde Duncan gehen ? Was würde er unternehmen, wenn er erfuhr, dass Ian ein paar seiner dunklen Geheimnisse entdeckt hatte ?

Es erforderte Ians ganze Willenskraft, sein Unbehagen vor seinem Freund zu verbergen. Johns Aufforderung, den Pferden vor den Spielen ein bißchen Bewegung zu verschaffen, kam Ian gerade recht. Er musste sich unbedingt von diesen Grübeleien ablenken.

 

 

X.

 

Nach dem Frühstück verstauten die Vier das Gepäck im Auto und fuhren los. Nach einer halben Stunde Fahrt traute sich doch tatsächlich ein Sonnenstrahl hinter den Wolken hervor. Moni saß wieder am Steuer und wich gerade einer Schafherde aus, als in etwa 2 km Entfernung ein Gebäude auftauchte.

 

 

"Ist das Castle Leod ?" Vier Augenpaare spähten angestrengt durch die Windschutzscheibe. Je näher sie kamen um so mehr verstärkte sich das Kribbeln in der Magengegend und als Moni in den Innenhof bog, war nicht nur Kerstin etwas blass um die Nase.

An der rechten Seite standen drei andere Autos, aber im Hof war niemand zu sehen. Unschlüssig blieben sie im Auto sitzen und berieten die weitere Vorgehensweise. Plötzlich klopfte jemand an die Scheibe.

Anett stieß einen leisen Schrei aus, Kerstin zuckte zusammen und ließ vor Schreck den Reiseführer fallen. Moni reagierte als erste und kurbelte die Fensterscheibe herunter.

"Kann ich Ihnen irgendwie helfen ?" Die Stimme gehörte zu einem gutaussehenden, schmalen Gesicht, das etwas belustigt in das Innere des Autos blickte.

"Wir wollten zum Castle Leod ..." erklärte Moni.

"Dann sind sie hier richtig. Allerdings kann Castle Leod zur Zeit nicht besichtigt werden und die Highland Games fangen erst morgen an."

"Das wissen wir." Anett fand als erste ihre Sprache wieder, "wir wollten auch nur etwas abgeben."

"Abgeben ?" Die dunklen, fast schwarzen Augen musterten die Insassen des Autos der Reihe nach. Die Ausrüstung verriet eindeutig Touristen.

"Vielleicht sollten wir erst einmal aussteigen." schlug Gaby vor und öffnete die Autotür.

Der Fremde war schlank und gut gebaut. Er trug seinen Kilt genauso lässig wie eine Jeans und schien auf Castle Leod heimisch zu sein. Vermutlich war er nicht viel älter als die Freundinnen - Moni schätzte ihn auf Anfang 30 - und er sah recht gut aus.

Gaby hegte ähnliche Gedanken. Leider war der Fremde nicht rothaarig, sondern hatte sehr dunkle, fast schwarze Haare, aber man kann eben nicht alles haben.

Die Haarfarbe fand Kerstin dagegen ziemlich klasse, sie gab dem Fremden etwas Dämonenhaftes. Auf einem mitternachtschwarzen Hengst mit flatterndem Umhang und wehendem Haar könnte er durchaus einer schönen, aber nur schwer bezwingbaren Frau nachstellen.

Der Highlander unterzog die vier Frauen ebenfalls einer eingehenden Musterung und auch ihm gefiel, was er sah. Das änderte aber nichts daran, dass er langsam ungeduldig wurde. "Und ?"

Seine Stimme brachte alle wieder in die Realität zurück. Etwas hilflos blickte Moni in die Runde. Deswegen fasste sich Kerstin ein Herz und fragte: "Wohnt hier ein Ian Mackenzie ?"

Ein fast unmerkliches Zucken lief durch den Körper des Fremden, doch sofort hatte er sich wieder unter Kontrolle: "Castle Leod gehört Lord John Mackenzie."

"Ja, es ist nur so ..." Kerstin suchte nach den richtigen Worten, was bei ihr selten vorkam. Doch sie war sich plötzlich nicht mehr sicher, ob die Geschichte mit dem Brief im Rucksack nicht zu abenteuerlich klang und man sie des Diebstahls bezichtigen würde. Andererseits würden sie dann wohl kaum den Brief zurückgeben.

"Wir haben einen Brief gefunden, der an einen Ian Mackenzie aus Castle Leod adressiert war." Anett schien sich nicht mit solchen Gedanken herumzuschlagen und wollte die Sachlage so schnell wie möglich klären.

 

 

Als der Fremde stumm blieb und Anett nur durchdringend anblickte, erzählte Moni schnell die ganze Geschichte.

"Warum haben Sie nicht einfach eine Briefmarke darauf geklebt und ihn abgeschickt."

Natürlich hatte Moni in ihrem Bericht wohlweislich die Tatsache ausgespart, dass die Vier den Inhalt des Briefes kannten und sich deshalb gegen die Beförderung per Post entschieden hatten. Das Unbehagen schien greifbar in der Luft zu hängen, denn keine wollte zugeben, dass die Neugierde stärker als jedes Briefgeheimnis gewesen war. Es war schon schlimm genug, dass Ian es vermutlich herausfinden würde.

"Nun ja, wir wollten eh in diese Gegend kommen ..." murmelte Gaby vor sich hin.

"... und haben den Brief als Wink des Schicksals betrachtet ?" Der Fremde klang jetzt eindeutig ironisch und war Moni plötzlich sehr unsympathisch. Sie verspürte das dringende Bedürfnis, sich ins Auto zu setzen und diesem Kerl eine Abgaswolke in sein arrogantes Gesicht zu blasen.

Anett konnte den Vorwurf nicht ohne Erwiderung auf sich sitzen lassen: "Da der Brief den Stempel einer Anwaltskanzlei trägt, dachten wir, es sei vielleicht dringend. Und da unsere Reiseroute noch nicht genau festgelegt war, hat es uns nichts ausgemacht, hier in der Gegend mit dem Sightseeing zu beginnen. Aber sie können uns gerne das nächste Postamt zeigen, dann werden wir diesen blöden Brief abschicken !"

"Ein Brief von meinem Anwalt aus München ?" Der Fremde hatte unter dem Blick von Anetts zornfunkelnden Augen viel von seiner Überheblichkeit verloren.

"Wollen Sie damit sagen, dass sind Sie Ian Mackenzie sind ?" hakte Anett nach.

"Ich habe meinen Ausweis gerade nicht bei mir" erwiderte Ian mit einem gewinnenden Lächeln, "aber vielleicht werden mir die Damen auch so glauben."

Ein paar Sekunden rührte sich niemand. "Haben Sie Spass an Versteckspielen ?" fragte Kerstin ärgerlich und fand mehr denn je, dass er etwas Teuflisches an sich hatte.

"Ich muss mich wirklich entschuldigen ! Aber in der letzten Zeit hatte ich einigen Ärger am Hals und bin etwas mißtrauisch Fremden gegenüber. Außerdem konnte ich mir wirklich nicht erklären, wem ich als Adresse Castle Leod angegeben haben sollte. Ich wohne nämlich in Los Angeles und eigentlich wissen nur mein Anwalt und meine engen Freunde, dass ich zu den Highland Games auf Castle Leod sein werde. Es tut mir wirklich sehr leid, ich wollte nicht unhöflich sein und Sie ganz sicher nicht täuschen ! Bitte verzeihen Sie mir !"

Ian schien ehrlich zerknirscht, trotzdem spürte Moni fast Widerwillen, als sie den Brief aus ihrem Rucksack zog. Irgend etwas stimmte nicht, wenn ihr nur einfallen würde, was es war.

Ian nahm den Brief an sich und begutachtete ihn. Er zog die Blätter heraus und überflog sie schnell. Dabei schüttelte er ungläubig den Kopf: "Das hätte ich niemals für möglich gehalten ..."

Ihm fielen die acht auf ihn gerichteten Augenpaare wieder ein und er brachte ein gequältes Lächeln zustande: "Ich verstehe wirklich nicht, wie ich so nachlässig sein konnte, den Brief zu verlieren. Ich muss mich wirklich vielmals bedanken und mein vorheriges Mißtrauen ist um so unverzeihlicher !"

 

 

Schnell holte Ian seine Geldbörse hervor und fischte eine Fünfzig-Pfund-Note hervor, die er Moni in die Hand drückte.

"Nein, das können wir nicht annehmen. Das ist viel, zu viel ..." Entsetzt starrte Moni abwechselnd auf Ian und den Geldschein in ihrer Hand.

"Sie müssen es annehmen !" erwiderte Ian mit Nachdruck. "Leider kann ich sie nicht zu den Highland Games einladen oder Ihnen Castle Leod vorführen, denn auch ich bin nur als Gast hier und Lord John und seine Frau haben im Moment so viel vorzubereiten."

Nervös blickte er hinter sich zu den Fenstern des Schlosses. "Deshalb muss ich mich leider auch schon verabschieden. Wenn ich etwas länger bleiben würde, hätten wir uns nach den Spielen nochmals treffen können, aber so ..." Ian zuckte bedauernd die Schultern, bedachte die Vier mit einem Lächeln und schüttelte jeder kräftig die Hand.

Ehe sie es sich versahen, saßen sie wieder im Auto und fuhren auf der Landstraße Richtung Dingwall.

"Na, der hatte es aber eilig, uns wieder loszuwerden !" machte Kerstin ihrer Empörung Luft.

"Er hat eben viel zu tun und für unsere Mühe sind wir ja mehr als großzügig entschädigt worden !" entgegnete Anett.

 

 

XI.

 

Als Ian vom Ausritt zurückkehrte, fiel ihm sofort der Landrover auf. Ihm blieb doch wirklich nichts erspart.

Bereits auf dem Weg zur Küche begegnete ihm Duncan und verbeugte sich spöttisch vor ihm: "Werter Cousin, was bin ich glücklich dich zu sehen !

"Duncan, lass den Quatsch ! Ich will hier keinen Ärger !"

"Oh, der Herr will keinen Ärger !" Duncan hatte die dunklen Augen zusammen gekniffen und seine Hände zu Fäusten geballt: "Meinst du nicht, dass du dir das früher hättest überlegen sollen ?"

"Ich weiss nicht, wie oft ich es dir noch sagen muss, aber ich will nur, was mir zusteht. Großvater hat mir die Ländereien auf Lewis vermacht."

"Davon rede ich nicht." erwiderte Duncan schneidend.

Ian sah seinen Cousin verblüfft an: "Wovon redest du dann ?"

Duncans Arm schoss vor, er packte Ians Hemdkragen und drückte ihn gegen die Wand: "Meine Geschäfte gehen nur mich etwas an und ..."

"Duncan ! Ich muss doch sehr bitten ! Ich dulde in meinem Haus keine Prügeleien !" Lady Judiths helle Stimme klang sehr empört und nach einem letzten zornigen Blick ließ Duncan los und drehte sich reumütig um.

"Entschuldige Judith, aber es ist wirklich nicht so wie du denkst !" Sein charmantes Lächeln war sehr gewinnend, glättete aber die Falten auf Judith Stirn nicht so schnell wie sonst. Erst als auch Ian beteuerte, dass rein gar nichts vorgefallen sei, verschwand sie wieder in der Küche.

 

 

Sekunden später trat Helen Mackenzie aus der Küchentür: "Ian ! Dich habe ich ja eine halbe Ewigkeit nicht mehr gesehen !"

Ian war sehr dankbar für ihr Erscheinen und erwiderte ihre Umarmung herzlicher, als er das sonst getan hätte.

Duncan hingegen war über die erneute Störung des Gesprächs nicht sehr erfreut. "Hallo Helen ! Hat dein Verlobter dich ganz allein hierher gelassen ?" bemerkte er anzüglich.

"Nein, er wartet ihm Garten voller Sehnsucht auf mein Erscheinen. Komm Ian, ich werde ihn dir vorstellen !" Helen hakte sich bei Ian unter und zog ihn mit sich.

Leicht frustriert blickte ihnen Duncan hinterher. Andererseits war Castle Leod wirklich nicht der passende Ort für eine Konfrontation. Seine Zeit würde schon noch kommen.

 

 

XII.

 

Die vier jungen Damen hatten nach der doch etwas enttäuschenden Begegnung auf Castle Leod beschlossen, sich eben eine andere Burg zu gönnen. Dunrobin Castle bot sich geradezu an: es lag in der Nähe und stand sowieso auf der Besichtigungswunschliste.

Kerstin diskutierte gerade mit Anett, ob die Finger des gemalten Herzogs unnatürlich lang wären oder nicht, als Moni ganz unvermutet ausrief: "Es war kein Mackenzie-Kilt !"

Nicht nur die drei Freundinnen sahen Moni ganz verblüfft an, auch einige andere Besucher hatten sich neugierig umgewandt.

Hastig senkte Moni ihre Stimme: "Der Typ auf Castle Leod hatte keinen Mackenzie-Kilt an."

"Bist du sicher ?" fragte Gaby zweifelnd. "Es gibt doch die verschiedensten Varianten von diesen Kilts."

"Ja, aber die Grundfarben bleiben eigentlich immer gleich. Der traditionelle Mackenzie-Kilt ist dunkelgrün und dunkelblau kariert mit schmalen weißen und roten Streifen. Und der Typ hatte ..."

"... einen schwarz-gelben Kilt an", ergänzte Kerstin, "schwarz-gelb wie die Dortmunder Fußballtrikots, das war mir gleich unsympathisch."

"Oh Keks !" seufzten Gaby und Moni gleichzeitig.

"Aber warum sollte er uns etwas vorspielen ?" grübelte Anett.

Darauf hatte niemand eine passende Antwort. Sie redeten noch ein wenig hin und her, aber große Lust auf einen erneuten Besuch auf Castle Leod hatte eigentlich niemand.

 

 

Trotzdem wollte Moni der Sache auf den Grund gehen und fragte bei der Dame an der Kasse nach. Sehr zufrieden präsentierte sie den Freundinnen das Ergebnis: "Das Rätsel ist gelöst ! Die MacLeods of Lewis tragen einen schwarz-gelben Kilt."

"Ja und ?" erwiderte Kerstin wenig überzeugt.

"Mensch Keks ! Ian erbt doch irgendwas auf Lewis !"

"Deswegen muss er ja keinen schwarz-gelben Kilt anziehen." maulte Kerstin vor sich hin. Eigentlich war sie schon überzeugt, aber es war doch sehr schade, dass sich das schöne Geheimnis einfach so in Nichts auflöste.

 

 

XIII.

 

Ian war nach den Highland Games und dem ganzen Trubel rechtschaffen müde. Er hatte sich gut amüsiert, viele alte Bekannte getroffen und die ganzen Probleme für eine Weile vergessen. Sie holten ihn allerdings schnell wieder ein, als er Duncan an seiner Zimmertür lehnen sah. Woher zum Teufel wußte der Kerl immer, wann er auftauchen mußte ?

"Duncan, bitte jetzt keine Diskussionen ! Wir reden morgen, okay ?"

Überraschend friedfertig antwortete sein Cousin: "Morgen passt ausgezeichnet. Wir sollten nach Lewis fahren, ich hole dich um 8.00 Uhr hier ab."

Stirnrunzelnd registrierte Ian, dass es keine Frage, sondern ein Befehl gewesen war. Dies wurde noch unterstrichen, da Duncan sich abgewandt hatte und bereits die Treppe hinunterstieg. Seine dunklen Augen bohrten sich für einen letzten Blick in Ians blaue, dann war Duncan in der Dunkelheit verschwunden.

Ian sperrte sein Zimmer auf und knipste das Licht an. Alles schien so dazuliegen, wie er es verlassen hatte. Mit schnellen Schritten lief er zu seinem Aktenkoffer, gab die Zahlenkombination ein und öffnete ihn. Alle Papiere waren ordentlich sortiert.

Ich glaube, ich werde paranoid, dachte Ian.

Während er seine Zähne putzte, versuchte er, sich das Gespräch mit Duncan genau in Erinnerung zu rufen. Duncan hatte von Geschäften geredet, aber vielleicht hatte er nicht das gemeint, was Ian vermutet hatte. Er drehte sich mit seinen Gedanken im Kreis, besser wäre es, sich schlafen zu legen, um morgen fit zu sein.

Eine ganze Weile wälzte sich Ian unruhig hin und her, dann gab er auf. Er holte seinen Aktenkoffer und suchte im Schein der Nachttischlampe nach dem Ordner mit der Aufschrift Tabellenauswertung. Kein sehr origineller Deckname für wichtige Unterlagen, aber Ian war in solchen Dingen nicht sehr geübt und hatte gedacht, je langweiliger die Überschrift klänge, desto weniger Aufmerksamkeit würde sie hervorrufen.

Er schob die ersten drei Blätter mit seismographischen Aufzeichnungen beiseite und vertiefte sich in die Darstellungen des Privatdetektivs.

 

 

Duncan hatte das Anwesen auf Lewis für Schmuggel benutzt, dafür reichten die Beweise eindeutig aus. Was das Schmuggelgut anging, waren die Aussagen jedoch recht vage.

Besonders beunruhigte Ian eine Andeutung des Detektivs, dass er die Todesumstände seiner Großmutter noch einmal näher untersuchen lassen sollte. Duncan hatte Maud geliebt, er hätte ihr niemals etwas angetan.

Unschlüssig drehte Ian die Blätter hin und her, dann packte er sie in einen großen braunen Umschlag. Halt die Kopie des Testaments fehlte ja noch. Der Anwalt hatte ihm zwar erklärt, dass er mit einer Kopie, noch dazu einer schlecht lesbaren, vor Gericht keinen Blumentopf gewinnen würde, da nur Originale zählten, aber es war trotzdem sicherer, wenn Duncan sie nicht zu Gesicht bekam.

Wo hatte er den Brief denn bloß hingesteckt ? Ian legte den Ordner beiseite und durchwühlte seinen Aktenkoffer. Schließlich leerte er den gesamten Inhalt auf dem Bett aus. Der Brief blieb unauffindbar. Plötzlich jagte ein eisiger Schauer durch seine Eingeweide und seine Hände zitterten, als er nach seinem Jackett griff. Die Innentasche war leer.

Er konnte den Brief doch nicht verloren haben ! Ian zwang sich tief durchzuatmen. Als sein Pulsschlag wieder einigermaßen normale Frequenz erreicht hatte, durchsuchte er nochmals die Papiere.

In München hatte er bei seiner letzten Unterredung mit dem Detektiv den Brief dabeigehabt. Er war etwas in Eile gewesen und hatte ihn in die Innentasche seines Jacketts gesteckt und während der S-Bahn-Fahrt in seinen Koffer gelegt. Denn als er im Flugzeug das Jackett ausgezogen hatte, hatte er die Innentasche überprüft und sie war leer gewesen, da war sich Ian ganz sicher.

Ein Blick auf die Uhr sagte Ian, dass es schon nach 2.00 Uhr war. Er schichtete alle Unterlagen wieder in seinen Aktenkoffer und verschloß ihn. Dann nahm er den großen braunen Umschlag zur Hand. Nach kurzem Überlegen schrieb er auf gälisch darauf: Lieber John ! Falls mir etwas zustoßen sollte, bring den Umschlag einfach zur Polizei ! Dein Ian

 

 

XIV.

 

Das Leben kann so herrlich sein, dachte Moni. Sie saß auf einer Bank, ließ sich die Sonnenstrahlen auf den Rücken scheinen und blickte aufs Meer hinaus.

Kerstin, Anett und Gaby besuchten heute Stornoway, die Hauptstadt der Äußeren Hebriden und waren deshalb an die Ostküste von Lewis gefahren.

Moni dagegen war lieber hier an der Westseite geblieben. Vielleicht würde sie nochmal einen kleinen Spaziergang zu den Callanish Standing Stones unternehmen und im Steinkreis nach einer Tür in die Vergangenheit suchen, wie es der Hauptdarstellerin in diesem Buch von Diana Gabaldon passierte, oder sie würde einfach hier in der Sonne sitzen bleiben.

 

 

Laute Stimmen rissen Moni aus ihren Tagträumen. Auf dem Weg, der etwas unterhalb ihres Sitzplatzes an der Küste entlang verlief, zeigten sich die Silhouetten von vier Personen. Beim Näherkommen erkannte Moni, dass es vier Männer waren, von denen ihr der erste sonderbar bekannt vorkam. Jetzt drehte sich der eine in ihre Richtung - aber das war doch Ian Mackenzie und der andere war der Handy-Mensch aus der S-Bahn in München.

Plötzlich ging Moni ein ganzer Kronleuchter auf: Na klar, so musste es passiert sein. Als der Handy-Mensch sie angerempelt hatte, hatte er den Brief verloren. Moni hatte alle ihre Sachen zusammengepackt und den Brief gleich mit. Vielleicht war der Handy-Mensch ja der Anwalt und vielleicht gingen sie gerade zu dem geerbten Anwesen ?

Moni schwankte kurz zwischen Faulheit und Neugierde. Dann packte sie ihren Rucksack, stolperte den leichten Abhang hinunter und lief auf die Biegung zu, hinter der die vier Männer verschwunden waren.

Du meine Güte, die haben es aber eilig ! Moni hatte direkt Mühe, die Männer nicht aus den Augen zu verlieren. Der Weg war schmal und steinig und die Büsche am Wegrand eher von der dornigen Sorte, so dass man ihnen besser nicht zu nahe kam. Als sich ihr Jackenärmel an einem Zweig verfing, fluchte Moni unterdrückt. Bis sie sich befreit hatte und um die nächste Kurve lief, waren die Männer tatsächlich verschwunden.

Moni rannte ein Stück am Strand entlang, doch nach zwei weiteren Biegungen war die Küste relativ weit einsehbar - keine Menschenseele, nur kreischende Möwen, die sie auszulachen schienen. Stirnrunzelnd blieb Moni stehen, kickte einen Kieselstein zur Seite und betrachtete die aufziehenden Wolken. Besser sie beeilte sich, in die Pension zu kommen, der Sonnenschein war wohl bald vorbei.

 

 

XV.

 

Mit jedem Schritt, den er machte, fühlte sich Ian unbehaglicher. Der Weg, den er seit seiner Kindheit kannte und mit dem er viele, meist glückliche Erinnerungen verband, schien ihn heute ins Verderben zu führen.

Bis zuletzt hatte er überlegt, John doch alles zu berichten, aber als Duncan um 8.00 Uhr vor seinem Zimmer gestanden hatte, hatte sich Ian mit seinem Cousin wie ein Dieb aus dem Haus geschlichen. Nur den großen braunen Umschlag hatte er zurückgelassen - gut versteckt in einem Geheimfach des Schreibtisches.

Während der Fahrt hatte er nur Belangloses mit Duncan besprochen, wenn sie überhaupt geredet hatten. Als später zwei Geschäftspartner von Duncan zugestiegen waren, wußte Ian, dass er einen großen Fehler begangen hatte.

Die beiden Männer entsprachen irgendwie dem Klischee von Mafia-Gangstern: groß, muskulös, in schwarzen Anzügen, nur die Sonnenbrillen fehlten. Allerdings war es auch durchaus möglich, dass ihm dies nur seine übermüdeten Gehirnzellen suggerierten, die neuerdings sowieso überall Verschwörungen witterten.

 

 

Trotzdem wäre Ian im Moment lieber auf einem ausbrechenden Vulkan als im Haus seiner Großeltern. Duncan schloß gerade die Tür auf und bedeutete Ian einzutreten. Auf den Möbeln, die nicht abgedeckt waren, lag eine feine Staubschicht und insgesamt roch es etwas muffig.

Duncan führte die kleine Gruppe ins Arbeitszimmer und setzte sich selbst an den Schreibtisch seines Großvaters.

"Würdest du mir jetzt bitte verraten, was das alles soll ?" fragte Ian.

"Setz dich doch. Wir warten auf einen Anruf." erwiderte Duncan.

"Auf einen Anruf ? Hier ?" Ian hatte den Verdacht, dass sein Cousin entweder verrückt geworden war oder ihn furchtbar veräppeln wollte.

"Es geht um den endgültigen Kaufpreis." Die Erklärung hatte einer der Männer in Schwarz abgegeben, doch Ian verstand immer noch nichts.

"Du hast ja schon herausgefunden, dass mir das Wasser bis zum Hals steht." sagte Duncan mit einer gewissen Bitterkeit in der Stimme. "Ich muss das Haus sofort verkaufen, wenn ich noch irgend etwas retten will. Und da du nicht gewillt bist nachzugeben, wollte ich dir ein Angebot machen."

Ian stützte sich mit beiden Händen auf den Schreibtisch und funkelte Duncan wütend an: "Du verstehst es immer noch nicht. Ich will und werde nicht verkaufen. Es geht mir darum, dass das Haus in Familienbesitz bleibt."

Das Klingeln des Telefons unterbrach die Diskussion. Duncan nahm den Hörer ab, machte sich ein paar Notizen und winkte dann einen der Männer in Schwarz ans Telefon.

"Und ? Reicht es für ein Leben im Luxus ?" Ian hätte Duncan am liebsten Verstand in den Schädel geprügelt. Duncan antwortete nicht. Er stand auf, warf einen nervösen Blick auf den Mann am Telefon und zog Ian dann in eine Ecke der Bibliothek.

"Es geht nicht um das Geld. Sie wollen das Haus unbedingt haben ..."

"... weil es so hübsch abgelegen und damit ideal für Schmuggelgeschäfte ist ? Und du glaubst im Ernst, ich werde das unterstützen ?"

"Pst, nicht so laut !" Duncans Augen deuteten auf die beiden anderen. "Sie sind gefährlich. Ian, bitte ! Du mußt mir helfen ! Ich habe zugesagt, dass ich verkaufe. Ich kann keinen Rückzieher machen. Wenn die mit mir fertig sind ..."

"Duncan, das Ganze ist kriminell. Wir sollten zur Polizei gehen. Wenn du dein Wissen richtig verkaufst, kommst du vielleicht sogar mit einem blauen Auge davon."

"Würden die Herren jetzt den Vertrag unterzeichnen !"

Duncan und Ian fuhren herum. Sie hatten gar nicht bemerkt, dass das Telefongespräch beendet war. Nach einem bittenden Blick drehte sich Duncan um und setzte seine Unterschrift auf die beiden weißen Bögen, die auf dem Schreibtisch lagen. Drei Augenpaare richteten sich nun auf Ian, der sich nicht vom Fleck gerührt hatte.

"Ich werde nicht unterschreiben", sagte er ruhig. "Nein Duncan", entschieden hielt er seinen Cousin auf Distanz, "du wirst mich nicht überreden."

 

 

"Nun, vielleicht habe ich überzeugendere Argumente", sagte der Mann in Schwarz, der immer noch am Schreibtisch lehnte. Bevor Ian realisierte, was geschah, zog der Mann eine Pistole, zielte und drückte ab. Die Kugel traf Duncans linke Schulter. Er taumelte gegen ein Bücherregal und stöhnte vor Schmerzen.

Gelähmt vor Entsetzen starrte Ian auf den Blutfleck, der sich langsam auf Duncans Hemd ausbreitete.

"Ich habe noch fünf Kugeln. Die letzte trifft sein Herz."

"Sie Schwein !" Mit zwei Schritten war Ian bei seinem Cousin und half ihm vorsichtig in den bequemen Ohrensessel neben dem Kamin.

"Scheiße, tut das weh !" stöhnte Duncan. "Es tut mir leid, Ian. Ich ..."

"Hör auf zu reden und spar dir deine Kräfte !" Vorsichtig drückte Ian ein Taschentuch auf die Wunde. "Er braucht einen Arzt !"

"Sie sollten zuerst unterschreiben, sonst ist der Arzt ganz unnötig." erwiderte eine kühle Stimme.

Ian biss die Zähne zusammen. Ohnmächtige Wut erfüllte ihn, die er am liebsten im Gesicht des Fremden abreagiert hätte. Als könnte der Mann Gedanken lesen, verzog er sich aus Ians Reichweite, als dieser zum Schreibtisch ging. Die Pistole blieb weiterhin auf Duncan gerichtet.

"Wer garantiert mir, dass sie ihn nicht trotzdem umbringen ?"

"Eine Leiche und Polizei, die herumschnüffelt, hätten auch wir nicht gerne im Haus. Wir werden nur im äußersten Notfall zu diesem Mittel greifen."

Die aalglatte Miene seines Gegners machte Ian rasend, doch er hatte keine Wahl. Mit einem eleganten Schwung unterschrieb er den Kaufvertrag ohne auch nur einen Blick auf die Summe oder irgendwelche Klauseln zu werfen.

Dann griff er zum Telefon. Mit einem Ruck wurde die Telefonschnur aus der Wand gerissen.

"Verdammt, was soll das ? Sie haben bekommen ,was sie wollten ..."

Ohne sich um Ians Einwände zu kümmern, nickte der Mann seinem Begleiter zu. Dieser setzte sich sofort in Bewegung, nahm den Vertrag vom Tisch und verstaute ihn in einer Aktenmappe. Dann ging er zu Duncan und zog ihn aus dem Sessel.

Obwohl Ian wußte, dass es nicht nur falsch, sondern höchstwahrscheinlich auch sehr dumm war, versuchte er Duncan aus dem Griff des Mannes zu befreien. Es gelang ihm überraschend einfach, doch dann schickte ihn ein gezielter Faustschlag auf den Boden und ein Tritt in die Magengrube überzeugte ihn, dort zu bleiben.

"Ian !" Duncans Aufschrei, verwandelte sich in ein Stöhnen, als ihm der verletzte Arm auf den Rücken gedreht wurde. Ungeduldig deutete der Mann mit der Pistole zur Tür und half dann Ian auf die Beine.

"So etwas Unüberlegtes werden sie doch kein zweites Mal veranstalten, oder ?" fragte er Ian liebenswürdig und drückte ihm die Pistole ins Rückgrat. Sie verließen das Zimmer, durchquerten die Eingangshalle und stiegen die Kellertreppe hinunter. Unten angekommen wurde Ian in einen Abstellraum geschoben.

"Wenn alles glatt geht, wird sie ihr Cousin morgen oder spätestens übermorgen hier abholen. Wenn nicht, sollten sie besser ihr Testament machen."

Bevor Ian etwas erwidern konnte, schlug die Pistole gegen seine Schläfe und die Welt wurde dunkel.

 

XVI.

 

Auch wenn Frauen nach der gängigen Meinung keinen Orientierungssinn haben, hatte Moni sich entschlossen, zurück zur Pension eine Abkürzung zu nehmen und nicht mehr am Strand entlang zu laufen. Sie erkletterte eine Felsengruppe und arbeitete sich dann durch hüfthohes Gras. Vielleicht war der kürzeste Weg in diesem Fall doch nicht der schnellste, aber eigentlich hatte dieser Querfeldein-Marsch ja noch einen anderen Hintergrund ...

Monis Überlegungen erwiesen sich als richtig - als sie den nächsten Hügel erklommen hatte, sah sie das Herrenhaus. So etwas würde sie auch gerne erben. Eine Windboe lenkte ihre Aufmerksamkeit auf das Wetter: Oje, sie würde wohl nass werden, es sei denn ...

Die nächsten Meter rannte Moni und erreichte die Mauer, die zumindest diesen Teil des Grundstücks umschloss. Angestrengt spähte sie in den Garten. Durch die zugeklappten Läden eines Fensters im ersten Stock drang ein schmaler Streifen Lichtschein nach draußen. Schnellen Schrittes lief Moni weiter an der Mauer entlang und stieß bald auf einen Trampelpfad, der in Richtung Küste führte.

Okay, soviel zu meinen pfadfinderischen Fähigkeiten, dachte sie.

Das Gartentor öffnete sich unter Monis zögerlichem Druck sofort und ohne das geringste Quietschen. Noch ein Blick auf die drohenden Gewitterwolken, einmal tief Luftholen, Augen zu und durch.

Das Licht war mittlerweile erloschen. Als neben ihr eine Krähe mit heiserem Gekrächze aufflog, machte Moni einen kleinen Sprung zur Seite. Ihr Herz hämmerte und die feinen Härchen in ihrem Nacken sträubten sich. Entschlossen drehte sie sich um und trat durch das Gartentor wieder ins Freie.

So ein Blödsinn - in einem fremden, dunklen Herrenhaus herumzukriechen !

Moni trabte auf dem Trampelpfad zurück zur Küste. Nachdem sie fast ihre Bank wieder erreicht hatte, blieb sie kurz stehen und lauschte auf ihre heftigen Atemzüge.

Verdammt, ich hätte doch öfter joggen sollen !

Keuchend rieb sich Moni die Seite, wo sich ein leichtes Seitenstechen bemerkbar machte. Plötzlich hatte sie ein Déja vu: vor ihr tauchten die Silhouetten von vier Männern auf, zwei davon ganz in Schwarz, der eine Ian und der andere ...

Moment, es waren nur drei Männer und auf Ians linker Schulter war ein dunkelroter Fleck. Hastig schloß Moni die Augen und öffnete sie wieder - die Männer waren immer noch da. Sie kniff sich einmal kurz und heftig in den Arm - dasselbe Bild.

Aber sie konnten nicht da sein. Niemand war Moni begegnet und sie kam doch geradewegs vom Herrenhaus.

Mitten in Monis Überlegungen krachte ein Schuß. Ihr Körper reagierte ganz automatisch und ging hinter dem nächsten Felsen in Deckung. Ein paar Atemzüge später startete ein Motorboot und die zwei Männer in Schwarz tauchten wieder in Monis Blickfeld auf. Sie rannten an der Küste entlang und der eine feuerte immer wieder auf das Motorboot, das sich immer weiter entfernte und direkt auf den Sturm zusteuerte.

Platsch ! Ein Regentropfen hatte als Landeplatz Monis Nase auserkoren und weitere folgten. Innerhalb von Minuten war sie nass bis auf die Haut.

 

 

Jetzt sitze ich also hier, klatschnass, zwischen ein paar Felsen, während um mich herum Gangster mit Pistolen Fanges spielen und wo bitte schön bleibt James Bond ? Männer sind nie zur Stelle, wenn man sie braucht ! dachte Moni.

Den beiden Männern war es am Strand inzwischen auch zu ungemütlich geworden. Sie gingen in Richtung Straße und kamen dabei direkt an Monis Unterschlupf vorbei. Doch der Regen fiel inzwischen so dicht, dass man kaum mehr seine Hand vor Augen sah.

Moni ließ ihnen etwas Vorsprung und schlug dann einen anderen Weg ein. Ein Blitz erleuchtete die Szenerie und verlieh den bizarren Formen der Felsen geisterhaftes Leben. Für einen kurzen Augenblick erkannte Moni die Fußspuren, die direkt auf sie zuliefen - nein direkt auf die Felsen unter ihr. Sie rutschte mehr, als dass sie kletterte, und schrammte sich schmerzhaft an ihrem Knie.

Die Regentropfen stachen wie kleine Nadeln und Moni flüchtete sich hinkend in die pechschwarze Finsternis der Höhle. Sie lehnte sich an den rauhen Stein und wühlte in ihrem Rucksack. Erleichtert seufzte sie auf, als sich ihre Finger um das Feuerzeug schlossen.

Sie fror ganz erbärmlich, aber wenn ihr Verstand sie nicht ganz im Stich ließ, lag am Ende des Tunnels das Herrenhaus sprich: eine Decke, ein Badezimmer, ein Telefon - und vielleicht jemand, der ein bißchen aussah wie Jeremy Irons.

Oh Mann, Moni ! Du hast nicht nur zu viele Krimis, sondern auch zu viele Knutschgeschichten gelesen ! rief sie sich selbst zur Ordnung.

 

 

XVII.

 

Ian versuchte sich aufzusetzen. In seinem Kopf hämmerte der lauteste Preßlufthammer, den man sich nur vorstellen konnte und seine Augen weigerten sich, etwas anderes als Sterne und Dunkelheit zu sehen.

Auf allen Vieren tastete er sich Richtung Tür. An der rechten Seite fand er den Lichtschalter und drückte ihn. Nichts passierte. Er drückte nochmals - wieder nichts.

Immer noch auf den Knien rutschend, tastete er sich weiter zur Tür. Der Türgriff reagierte auch auf verzweifeltes Rütteln nicht, nur sein Kopf nahm ihm die heftigen Bewegungen übel.

Alle Kellertüren waren aus massivem Holz, die Schlösser alt und robust und der Türspalt nur minimal, um alles Ungeziefer fernzuhalten. Blieb also nur noch beten.

Ian dachte an Duncan, an den großen, braunen Umschlag, den John sicher schon gefunden hatte und der alles beenden würde ...

Oh Gott, ich muss mich irgendwie ablenken, diese Grübeleien machen mich verrückt !

 

 

"... Had I but time - as this fell sergeant, death,

Is strict in his arrest - O, I could tell you -

But let it be. Horatio, I am dead;

Thou livest; report me and my cause aright

To the unsatisfied."

Ich bin verrückt ! dachte Moni. Ich stehe hier mit einem Feuerzeug in der Hand in einem Felsentunnel und höre Hamlet. Das ist nicht normal !

"... O good Horatio, what a wounded name,

Things standing thus ..."

Die Stimme kam aus einem Kellerraum an der linken Seite. Die kleine Flamme beleuchtete eine dunkle Holztür. Als Moni sich weiter nach unten beugte, fand sie das Schloß. Der Schlüssel steckte. Beim Herumdrehen erzeugte er ein schnarrendes Geräusch, das Hamlet abrupt zum Verstummen brachte.

"The rest is silence." flüsterte Moni leise, als die Tür aufschwang. Sie spürte einen kalten Luftzug, dann prallte etwas Schweres gegen sie. Das Feuerzeug wurde aus ihrer Hand geschleudert, schepperte zu Boden und erlosch.

Monis Aufschrei wurde zu einem Keuchen, als sich ein Arm um ihre Kehle legte und versuchte, ihr die Luft abzudrücken. Ein Aufstöhnen ihres Gegners bewies, dass ihr Ellbogen getroffen hatte. Trotzdem konnte sie sich nicht aus der Umklammerung befreien.

Da lockerte sich plötzlich der Würgegriff. "Sie sind ja eine Frau !" stellte Hamlet fest und setzte verwirrt hinzu: " und außerdem völlig durchnässt !"

"Beidesmal scharfsinning kombiniert, ich gratuliere!" knurrte Moni wütend, während sie ihren Hals massierte.

 

 

XVIII.

 

Ian richtete sich vorsichtig auf und stolperte zur Kellertreppe. Sekunden später flammte das Licht auf.

Moni war auf dem Boden sitzengeblieben und versuchte sich blinzelnd zu orientieren. Ein paar feste Männerschuhe kamen auf sie zu. Dazu gehörten zwei Beine, die in einer elegante Anzugshose steckten, die einige Schmutzflecken abbekommen hatte und an manchen Stellen klebte weißlicher Mauerputz am Stoff.

Die Anzugjacke sah auch nicht besser aus, ein Ärmel hatte sogar einen langen Riss. Das Hemd war stellenweise feucht und erinnerte Moni daran, dass dieser Typ sie angegriffen hatte.

So würdevoll wie möglich erhob sie sich und funkelte ihr Gegenüber wütend an. Ihr Blick traf auf die blauesten Augen, die sie je gesehen hatte. Allerdings zierte ein dunkler Bluterguss das eine Auge, die Nase war geschwollen und die untere Gesichtshälfte war blutverschmiert. Jeremy Irons nach dem Kampf mit dem Bösewicht - ein leises Lächeln huschte über Monis Gesicht.

 

 

Als sich Ian an die Helligkeit gewöhnt hatte und zu der Frau zurückgekehrt war, wäre er dankbar für ein Loch gewesen, in dem er hätte versinken können. Sie sah nicht wie eine getaufte Maus aus, sondern eher wie eine ertrunkene und so wie die Dinge lagen, hatte sie ihn wohl gerettet. Zum Dank hatte er versucht, sie zu erwürgen. Ian hatte eine Ohrfeige erwartet oder zumindest eine Beschimpfung und jetzt lächelte sie ihn an.

"Ich ... äh ... ich wollte mich entschuldigen !"

"Das sollten Sie auch !" erwiderte Moni, "und zwar am besten zweimal !"

"Zweimal ?" Lag es nur an seinen Kopfschmerzen oder reagierte diese Frau wirklich so unlogisch ?

Ians ungläubigen Gesichtausdruck reizte Moni zum Lachen. Als sie sich beruhigt hatte, erklärte sie: "Es ist schließlich schon das zweite Mal, dass sie mich umrennen."

Verärgert schüttelte Ian den Kopf: "Ich kenne Sie überhaupt nicht !"

"Nein, natürlich nicht. Sie waren ja viel zu sehr mit ihrem Handy beschäftigt, um zu bemerken, wen Sie umrennen. Nächstes Mal sollten Sie allerdings besser auf ihre Briefe aufpassen, sonst ..."

"Was wissen Sie von dem Brief ?" Zu seinen Kopfschmerzen, seiner Unfähigkeit die Zusammenhänge zu begreifen und seiner Wut, ausgelacht zu werden, gesellte sich Mißtrauen.

"Könnte ich Ihnen das erklären, wenn ich mich aufgewärmte habe ?"

Diese Frage brachte Ian völlig aus dem Konzept und er brauchte zwei Sekunden um zu antworten: "Natürlich ... ich meine ... Entschuldigen Sie, dass ich nicht gleich ...daran gedacht habe."

 

 

XIX.

 

"Normalerweise führe ich mich nicht wie ein kompletter Idiot auf."

Ian hatte sich umgezogen und sein verschrammtes Gesicht behandelt. Außerdem hatte er ein Aspirin geschluckt und da seine Kopfschmerzen langsam nachließen, fühlte er sich schon viel besser.

"Normalerweise spaziere ich auch nicht tropfnass in den Kellern fremder Leute umher."

Auch Moni hatte sich ihrer nassen Sachen entledigt und steckte jetzt in einem Männerhemd, einem Pullover und einer viel zu weiten Jogginghose. Um ihre Haare war ein Handtuch geschlungen und insgesamt hatte ihr Körper wohl wieder seine normale Temperatur erreicht. Dazu trug auch wesentlich das Feuer im Kamin bei, das Ian angezündet hatte.

Draußen tobte das Gewitter immer noch mit unverminderter Heftigkeit und hatte Strom- und Telefonleitungen lahmgelegt. Sie waren also praktisch von der Außenwelt abgeschnitten.

 

 

"Falls ich es noch nicht gesagt habe: Danke, dass Sie mich da rausgeholt haben." Die Flammen warfen zuckende Lichter auf Ian und machten es Moni schwer seinen Gesichtsausdruck richtig zu deuten.

"Ich musste doch etwas unternehmen. Sie waren ja schon bei der Schlußszene von Hamlet und die geht ziemlich böse aus ..."

"Ich habe mit der Schlußszene angefangen !"

Wenn er lächelt sieht er einfach umwerfend aus, dachte Moni. Laut aber sagte sie: " O je - noch so jemand, der mit dem Ende beginnt !"

"Wer tut denn noch so etwas ?" hakte Ian eindeutig belustigt nach.

"Keks ... äh ... meine Freundin Kerstin liest bei Büchern immer zuerst das Happy End. Sie sagt, dann könnte sie alle vorkommenden Intrigen besser verkraften."

"Tja, darin liegt eine gewisse Logik. Leider bietet uns das Leben eine solche Möglichkeit nicht."

"Aber das wäre doch total frustrierend", begehrte Moni auf. "Stellen Sie sich vor, Sie wüßten genau, wie der heutige Tag endet und egal, was Sie auch tun, nichts würde etwas daran ändern ..."

"Nicht nur gutaussehend, sondern auch klug !" bemerkte Ian und sah Moni tief in die Augen.

Nach ein paar Sekunden senkte Moni den Blick. "Sie wollen mir wohl lieber nicht erklären, wie Sie in den Keller eingesperrt wurden ?"

Ian ließ nicht erkennen, ob er ihr Ablenkungsmanöver durchschaut hatte: " Geschichten erzählen am Kaminfeuer ? Sehr romantisch ! Aber hatten Sie mir nicht versprochen, mir alles über einen Brief zu berichten ?"

"Nein, nein - das zählt nicht !" wehrte Moni lachend ab: "Ich habe zuerst gefragt !"

"Ja, aber Sie wissen doch: Ladies first ! Ich bin schließlich ein Gentleman."

 

 

XX.

 

Nachdem Moni zu Ende erzählt hatte, herrschte eine ganze Weile Stille - nur die Regentropfen prasselten gegen die Fensterläden.

Ian war einiges klar geworden: Duncan hatte den Brief gelesen, von dem Privatdetektiv erfahren und hatte sich gezwungen gefühlt, schnell zu handeln. Das wäre ihm beinahe zum Verhängnis geworden - beinahe, denn er hatte es sicher mit dem Motorboot bis zu der kleinen vorgelagerten Felsinsel geschafft. Jedenfalls hoffte Ian das.

Als er aufblickte, waren seine trüben Gedanken schnell verflogen. Die Kleine sah einfach zu niedlich aus in diesen Klamotten. Obwohl niedlich war nicht ganz das richtige Wort, denn ihr tropfnasser Zustand hatte Ian mehr Einblicke gewährt, als ihm lieb war. Er war ein Gentleman und er würde die Situation nicht ausnutzen. Also begann auch er mit seinen Erklärungen.

Als er geendet hatte, starrte ihn Moni kurz an, bevor sie loslegte: "Sie wollen mir allen Ernstes erzählen, dass bewaffnete Männer hinter Ihnen her sind, die bereits ihren Cousin angeschossen haben und wir hier in aller Ruhe vor dem Kamin sitzen ???"

 

 

Ian zog eine Pistole aus der Tasche, die er vorher aus dem Schreibtisch seines Großvaters geholt hatte: "Sie werden uns nicht kriegen!"

"Es gibt drei Möglichkeiten", sagte Moni gefährlich leise, "entweder sind Sie verrückt oder ich oder wir beide."

"Sie machen mich verrückt, aber in ganz anderer Hinsicht."

Monis Herz setzte zwei Schläge aus, um dann mit doppelter Geschwindigkeit weiterzumachen. Das hat er sicher nicht so gemeint, wie ich das verstanden habe, versuchte sie sich zu überzeugen. Und wenn doch ?

Auf der Suche nach einem unverfänglichen Thema ließ sie ihre Blicke durch das Zimmer schweifen. "Ihre Großmutter ?" fragte sie und deutete auf ein Gemälde an der Wand.

Diesmal hatte Ian sie eindeutig durchschaut, wie sein wissendes Grinsen verriet. "Ja, das ist meine Großmutter Maud."

Moni stand auf, um das Bild genauer zu betrachten: "Und Sie hat Ihnen wirklich nichts von dem Erbe gesagt ? Nicht das Geringste erwähnt ?"

"Nun ja, wissen Sie, im Nachhinein habe ich viel gegrübelt und nach Hinweisen gesucht. Aber da war nichts. Ihren letzten Brief kann ich praktisch auswendig: sie bittet mich nach Hause zu kommen und ich mache mir heute noch Vorwürfe, dass ich es nicht getan habe. Aber sie hat mich in jedem Brief gebeten nach Hause zu kommen - ich konnte doch nicht wissen, dass es diesmal so wichtig gewesen wäre."

"Wann hat sie diesen Brief geschrieben ?"

"Zwei Tage bevor sie starb", erwiderte Ian sehr leise.

"Und da war gar nichts ?"

"Nein, nur das Übliche. Wie es ihr ging, was im Dorf so alles passiert ist ... Nur den letzten Satz konnte ich mir nicht so richtig erklären. Sie schrieb: Bleib mein guter Junge und erinnere dich immer an das Motto der Familie."

"Das Motto der Familie ?"

"Ja, es steht auf dem Familienwappen Luceo non uro ..."

"Ich scheine, ich brenne nicht"

Ians Mund stand ein wenig offen, als er seine Begleiterin ansah. Moni grinste spitzbübisch, brachte es aber nicht fertig, ihn weiter zu ärgern: "Ich habe das Wappen über der Tür gesehen und mir Gedanken über die Inschrift gemacht."

"Und ich dachte schon, Sie würden mir jetzt Homer an den Kopf werfen."

 

 

XXI.

 

"Luceo non uro. Gibt es irgendeine Geschichte, die einen Hinweis geben könnte ?"

Ian schüttelte als Antwort nur den Kopf.

"Nein, natürlich nicht. Das wäre zu einfach. Außerdem würde es Duncan auch wissen", überlegte Moni weiter. "Hatte Ihr Großvater ein bestimmtes Hobby ?"

"Er war sehr gebildet und hat gerne gelesen. Seine Bibliothek war sein ganzer Stolz."

 

 

"Na also - ein idealer Platz, um sein Testament zu verstecken."

"Glauben Sie, daran hätten wir nicht gedacht. Duncan hat in der Bibliothek nicht einen Stein auf dem anderen gelassen, aber irgendwann hat auch er vor 7000 Bänden kapituliert."

"Man muss da eben systematisch rangehen", entgegnete Moni, "und einen Profi engagieren."

"Einen Profi ?"

"Jemanden, der sich mit Büchern auskennt - einen zu Unrecht verkannten Berufsstand - ich spreche von einer Bibliothekarin" klärte Moni ihn auf.

"Sagen Sie nicht, dass Sie ein Bücherwurm sind !"

Bei solchen unsachgemäßen Äußerungen hatte Moni schon immer rot gesehen: "Entschuldigung, mein Kostüm ist gerade in der Wäsche und mein Dutt etwas nass geworden."

"Hey, ich wollte Sie nicht beleidigen. Sie sehen nur ganz anders ... ich meine, viel besser ...also ..."

"Geben Sie sich keine Mühe. Entschuldigungen scheinen nicht gerade ihre Stärke zu sein." Moni konnte ihm nicht wirklich böse sein, wenn er sich so schuldbewußt durchs Haar fuhr. "Was sind Sie denn von Beruf ?"

"Vulkanologe."

Jetzt mußte Moni erst einmal schlucken. "Also eher Pierce Brosnan, als Jeremy Irons", murmelte sie gedankenverloren.

"Was habe Sie gesagt ?"

"War nicht so wichtig", wehrte Moni ab.

 

 

XXII.

 

Die Bibliothek war einfach umwerfend: schöne alte Ledereinbände, die Regale mit Schnitzereien verziert.

Ehrfurchtsvoll zog Moni einen Band heraus und blätterte darin. Ein paar handschriftliche Marginalien brachten ihr wieder den eigentlichen Grund zu Bewußtsein, warum sie hier in der Bibliothek stand.

"Sind die Bücher systematisch geordnet ?" wandte sie sich an Ian.

"Keine Ahnung - ich fürchte bibliothekstechnisch bin ich eine Niete."

"Na ja, sie sind ja Wissenschaftler", erwiderte Moni, als ob diese Tatsache alles erklären würde. Sie lief an den Regalen entlang - natürlich gab es eine Systematik.

Auf den Buchrücken war am oberen Rand eine römische Ziffer und vier arabische Ziffern. Luceo non uro - drei Worte - das paßte zu gar nichts.

"Vielleicht sind sie nach Größe geordnet ?" unterbrach Ian ihre Grübeleien.

"Wie bitte ? - Nein, nein kein Mensch, der etwas von Büchern versteht, ordnet seine Bücher nach Farbe oder Größe - es sei denn ... Natürlich !" Moni schlug sich mit der Hand gegen die Stirn. Die letzte arabische Ziffer war die Größenangabe: 4,8,1 = Quart, Oktav, Folio.

Luceo non uro - drei Worte - drei arabische Ziffern; fehlte nur noch die römische Zählung.

 

 

"Welchem Fachgebiet würden Sie Luceo non uro zuordnen ?"

"Fachgebiet ?"

"Ja, Fachgebiet. Religion, Geschichte, Biologie, Geographie ...- Sie sind doch hier der Wissenschaftler !"

"Ich bin Vulkanologe", protestierte Ian, "und ich habe keine Ahnung, was Sie meinen."

"Komisch - Pierce Brosnan hatte auf alles eine Antwort."

"Können Sie mir Unwissenden vielleicht die Erleuchtung zukommen lassen, was dieser Ire mit unserem Problem zu tun hat ?"

Moni grinste über den unwirschen Tonfall. Der Herr war beleidigt, weil man ihn im Dunklen tappen ließ. Aber zugegebenermaßen hatte sie das Rätsel auch noch nicht gelöst und vielleicht fiel Ian ja doch noch etwas Brauchbares ein.

"Die Systematik besteht aus einer römischen Ziffer, die wohl das Fachgebiet bezeichnet. Diese Bibel hier zum Beispiel hat "I" auf dem Buchrücken genau wie diese Abhandlung über die Kirchenväter. Daraus schließe ich ..."

" ... dass römisch "I" für Religion steht." Ian hatte verstanden: " Und die anderen Zahlen ?"

"Luceo non uro - 5.3.3" Moni war ziemlich stolz auf diese Leistung und hatte entschieden mehr Begeisterung erwartet.

"Es sind aber vier Ziffern."

Natürlich - Moni hatte vergessen, dass sie es mit einem Uneingeweihten zu tun hatte. "Die letzte Ziffer steht für das Format."

"Ha - nach Größe geordnet. Sagen Sie nicht, ich hätte Ihnen nicht weitergeholfen." Moni registrierte amüsiert, dass Ian seine Selbstachtung wiedergefunden hatte.

"Dann können Sie mir jetzt sicher auch das Fachgebiet nennen - schließlich ist Feuer ja sogar ihr Spezialgebiet."

"Wasser, Erde, Luft und Feuer - vier Elemente, vier Wände" überlegte Ian laut, "aber welches ist die Feuer-Seite ?"

Sein Gedankengang brachte Moni auf eine andere Idee. Aber die geschnitzten Symbole über den Regalen waren keine Elemente, sondern Sternbilder.

"Der Mond !" rief sie plötzlich.

Diesmal übertrug sich ihr Geistesblitz auf Ian: "Er brennt nicht, sondern scheint nur, weil ihn die Sonne beleuchtet - Luceo non uro. Das ist wirklich genial."

Gemeinsam hasteten sie zum Regal, über dem der Mond seine Sichel erstrahlen ließ.

Die römische Ziffer auf den Buchrücken war "L".

"L wie Luceo" flüsterte Ian andächtig.

Fieberhaft überflogen sie die Signaturen, es gab kein Buch mit L.5.3.3 - weder in Quart noch in Oktav noch in Folio.

"Ich war mir so sicher", stöhnte Moni.

Tröstend legte Ian den Arm um ihre Schulter und sagte leise: "Es war mehr, als mir jemals dazu eingefallen wäre. Sie hätten sich mit Großvater sicher gut verstanden."

Sein Gesicht war ganz nah an ihrem und wenn sie den Kopf ein wenig drehen würde ... Krachend riss ein Fensterladen aus den Angeln. Moni schlüpfte unter Ians Arm hervor und sagte heiser: "Ich glaube, Sie sollten sich darum kümmern."

 

XXIII.

 

Der Regen hatte inzwischen nachgelassen und Ian und Moni rüsteten sich zum Aufbruch. Moni war in ihre jetzt nur noch feuchten Klamotten geschlüpft und sah wieder halbwegs aus, wie sie selbst, auch wenn sie sich nicht so fühlte und Ian hatte zwei Regenjacken aufgetrieben.

Sie gingen an der Kellertreppe vorbei und traten statt dessen durch die Haustür nach draußen. Moni warf noch einen letzten Blick zurück: Der Mond verteilte sein bleiches, gespenstisches Licht über das Haus. Das Familienwappen über der Tür zeigte funkelnd seine Schrift nur das "L" wurde vom Schatten eines Zweiges verdeckt.

"Ian, ich bin ein Idiot."

Zurück in der Bibliothek steuerte Moni zielsicher auf das Mondregal zu und holte nach kurzer Zeit das Buch mit der Signatur L.4.3.3.4 aus dem Regal.

"He, das ist ja der alte Naturatlas", rief Ian, "darin habe ich zum ersten Mal ein Bild von einem Vulkan gesehen." Die Worte waren immer leiser und zögernder über seine Lippen gekommen. Moni reichte ihm das Buch: "Wissen Sie noch, auf welcher Seite das Bild war ?"

Konzentriert betrachtete Ian den Atlas: "Ziemlich am Ende, glaube ich ... Ja, ich erinnere mich, es war so eine Faltkarte."

Beim zweiten Versuch fand Ian den Vulkan, allerdings halbverdeckt durch ein loses, gefaltetes Blatt aus Büttenpapier. Mit zitternden Fingern nahm Ian es heraus und öffnete es. Testament stand da in der verschnörkelten Schrift seines Großvaters.

"Das glaube ich nicht !"

Ians Blick irrte von dem Blatt Papier in seiner Hand zu Moni und wieder zurück. Dann legte er vorsichtig das Testament zur Seite, riss Moni in seine Arme und wirbelte sie im Kreis herum, bis ihnen beiden leicht schwindlig war.

"Wie bist du bloß darauf gekommen ?"

"Eigentlich war es ganz logisch: das "L" steckt ja schon in der römischen Ziffer, also bleiben von Luceo nur vier Buchstaben übrig - 4 nicht 5."

"Moni, du bist einfach genial !"

"Ich weiss, aber es nützt dir nichts."

"Wieso ?"

"Na, du hast doch den Kaufvertrag unterschrieben."

"Ja, aber mit Ian MacLeod."

Es dauerte ein paar Sekunden bis Moni begriff, was Ian da eben gesagt hatte.

"Aber dann ..."

"... ist es nicht rechtsgültig."

"Aber wenn die Männer das herausfinden ... Die hätten dich umgebracht !" stellte Moni bestürzt fest.

"Ich sagte doch, dass du mich gerettet hast !" erwiderte Ian und drückte sie fest an sich.

 

 

Moni schob ihn energisch von sich: "Es ist noch nicht vorbei. Wenn wir noch lange hierbleiben, werden sie uns finden und beide umbringen, du Hornochse !"

"Mich deucht, mein Engel spricht die Wahrheit. Nun denn - so lass uns von hier entfleuchen !" flachste Ian ganz und gar nicht verängstigt.

 

 

XXIV.

 

"Kann man dich denn keine fünf Minuten aus den Augen lassen ?"

"Weißt du eigentlich, wie spät es ist ?"

"Wir haben uns solche Sorgen um dich gemacht !"

"Ich glaube, ich höre meine Eltern", murmelte Moni, während sie vergeblich versuchte, den Umarmungsattacken ihrer Freundinnen auszuweichen.

Ian hatte sich angesichts der geballten Weiblichkeit dezent ins Nebenzimmer verdrückt, um zu telefonieren.

Als er nach einer Weile wiederkam, erschien er genau richtig, um das Ende der Geschichte mitanzuhören, die Moni einer staunenden Pensionswirtin und drei verblüfften Bibliothekarinnen erzählte.

"Ich habe gleich gewußt, dass sich hinter dem Brief ein Geheimnis verbirgt !" sagte Kerstin mit Nachdruck.

"Nein, du hast nur zu viele Fünf-Freunde-Bücher gelesen, die stolpern auch immer in ein Abenteuer, wenn sie Ferien haben." rügte Gaby.

"Vielleicht ist das aber gar kein richtiges Abenteuer", meinte Kerstin ahnungsvoll.

"Sondern ?" fragte Anett.

"Eine Knutschgeschichte", kicherte Kerstin und bekam für diesen Kommentar von der hochroten Moni ein Kissen nachgeworfen.

"Vielleicht sollte ich dich diesmal retten ?" bemerkte Ian amüsiert, wurde jedoch gleich darauf wieder ernst, "der Kommissar möchte mit uns beiden sprechen."

Nachdem Ian und Moni ihre Aussagen zu Protokoll gegeben hatten, fuhren sie zur Pension zurück. Als Moni gerade aussteigen wollte, fragte Ian leise:

"Wenn du dir etwas wünschen könntest, was würde das sein ?"

"Dass du nicht mehr Hamlet zitierst ..."

"Ich meine es ernst !"

"Ich auch !"

Ian überlegte kurz, dann überzog ein Lächeln sein Gesicht:

"If I profane with my unworthiest hand

This holy shrine, the gentle sin is this.

My lips, two blushing pilgrims, ready stand

To smooth that rough touch with a tender kiss."

Aller Übermut war aus Moni gewichen, als sie die Wahrheit in den blauen Augen las. Sie schlang die Arme um seinen Hals und dann küßte er sie.